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Reiner Kunze

 
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Manfred Riebe



Registriert seit: 23.10.2002
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Beitrag: Montag, 01. Dez. 2003 16:40    Titel: Reiner Kunze Antworten mit Zitat

Der kulturrevolutionäre Klassenkampf
_________________________________

„Die Aura der Wörter“

Der Dichter Reiner Kunze legt eine Denkschrift zur Rechtschreibreform vor


Von Thomas Paulwitz

„Das Wort besitzt eine Aura, die aus seinem Schriftbild, seinem Klang und den Assoziationen besteht, die es in uns hervorruft, und je wichtiger und gebräuchlicher ein Wort ist, desto intensiver und prägender ist diese Aura. Wer sie zerstört, der zerstört etwas in uns, er tastet den Fundus unseres Unbewußten an.“ Der Lyriker Reiner Kunze hat jetzt eine Denkschrift vorgelegt, in der er eindeutig Stellung zu den sprachschädigenden Folgen der Rechtschreibreform nimmt. „Die Aura der Wörter“ heißt das gedankenreiche Büchlein, das der Stuttgarter Radius-Verlag verlegt.

<b>„Teilweise sprachliche Enteignung“</b>

Zu Anfang seines Büchleins widmet sich Kunze, nach seiner DDR-Ausbürgerung Träger zahlreicher Literaturpreise, der reformierten Getrennt- und Zusammenschreibung. Sie führe dazu, daß bestimmte eindeutige Aussagen nicht mehr getroffen werden könnten. Dies nennt Kunze eine „teilweise sprachliche Enteignung“. Die Entwicklungsrichtung der Sprache werde dadurch umgekehrt, daß Wörter, die mittlerweile zusammengeschrieben werden, künstlich wieder getrennt werden: „Wer das Niveau der geschriebenen Sprache senkt, senkt das Niveau der Schreibenden, Lesenden und Sprechenden.“

<b>„Es ging um die Veränderung der Gesellschaft“</b>

Kunze räumt des weiteren mit der Propaganda der Kultusminister auf, die Rechtschreibreform diene dem Schreibwohl der Schulkinder. Er weist nach, daß es den Urhebern der Reform nicht darum ging, die Rechtschreibung zum Zwecke der besseren Verständigung zu ändern, sondern darum, die „Gesellschaft“ umzukrempeln; „die Orthographie war ihnen nur Mittel zum Zweck“. Er belegt dies mit Äußerungen unter anderem von Jens Jessen („Die Zeit“) und Karl Blüml (österreichisches Mitglied der Rechtschreibkommission). Ein Kultusminister sagte im Deutschen Bundestag: „Nicht um die Neuregelung der Rechtschreibung geht es in Wahrheit. Es geht um die Frage, ob diese Gesellschaft veränderungsfähig und veränderungswillig ist.“

<b>Schriftsprache um hundert Jahre zurückgeworfen</b>

Der „Marsch durch die Institutionen“ habe jedoch nicht im „Klassenkampf“ die Gesellschaft verändert, sondern den Obrigkeitsstaat befördert und aufgrund der Ausrichtung am niedrigsten Niveau die Schriftsprache um hundert Jahre zurückgeworfen, so Kunze. „Dieses kulturrevolutionäre Verständnis von sozialer Gerechtigkeit ist Teil jener Ideologie, deren Gesellschaftssysteme an sich selbst zugrundegehen.“

<b>„Die Sprache ist die Kaiserin, die keine Parteien kennt.“</b>

Nach wie vor sind lediglich zehn Prozent der Deutschen von der Rechtschreibreform überzeugt, wie Allensbach in diesem Jahr ermittelte. Es verwundert also, daß keine politische Partei sich so recht um die Rechtschreibreform kümmern will. Kunze meint dazu: „Die Sprache ist die Kaiserin, die tatsächlich keine Parteien kennt. Was Wunder, wenn fast keine Partei Partei für sie ergreift.“

<b>„Ein Dichter, der das hinnähme, müßte als Dichter zurücktreten. Und als Deutscher.“</b>

Reiner Kunze verwahrt sich gegen die Ansicht eines Kultusministers, dieser Eingriff in die Sprache sei die nebensächlichste Sache der Welt, und gegen dessen Empfehlung an einen Schriftsteller, keine Notiz davon zu nehmen. Vielmehr sei es gerade die Aufgabe der Schriftsteller, auf ihr Werkzeug, die Sprache, zu achten: „Ein Dichter, der hinnähme, daß der Bau dieser Sprache beschädigt und sie um einen nicht unbedeutenden Teil ihrer Differenzierungen gebracht wird, müßte als Dichter zurücktreten. Und als Deutscher.“

<b>„Zweite Ausbürgerung aus deutschen Schulbüchern“</b>

Kunze nimmt die Sprachbeschädigung nicht hin und besteht darauf, daß in Schulbüchern seine Texte in der bewährten Rechtschreibung erscheinen; auch um den Preis, daß bayerische Schulbücher deswegen jetzt ohne Kunze auskommen müssen: „Meine zweite Ausbürgerung aus deutschen Schullesebüchern hat also bereits begonnen – diesmal durch die Kultusministerinnen und Kultusminister der Bundesrepublik Deutschland.“ Kunze spielt damit auf seine DDR-Vergangenheit an.

<b>DDR-Dissidenten für die Rechtschreib-Resolution</b>

Gerade diejenigen, die mit der mitteldeutschen Diktatur schmerzliche Erfahrungen gemacht haben, sind gegenüber Regierungseingriffen in die Sprache besonders aufmerksam. So unterstützen mit dem Dichter Reiner Kunze, dem Schauspieler Manfred Krug und dem Schriftsteller Günter Kunert drei prominente DDR-Dissidenten die Resolution zur Wiederherstellung der Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung (http://www.deutsche-sprachwelt.de/archiv/resolution.shtml). Kunert, Krug und Kunze haben bereits während der DDR-Diktatur mit der Unterzeichnung einer Resolution auf sich aufmerksam gemacht. 1976 unterschrieben sie den Protestbrief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Kunze schreibt in seiner Denkschrift: „Die Erfahrung hat gezeigt, daß sich auf lange Sicht die Demokratie zum Diktat bitten läßt.“

<b>Vorsätze aus der DEUTSCHEN SPRACHWELT</b>

Am Ende der Denkschrift findet der Leser „Resümees“ zur Rechtschreibreform, unter anderem von Peter Eisenberg, Theodor Ickler, Thomas Steinfeld, Helmut Glück und Wolfgang Illauer. Die Denkschrift schließt mit einem Zitat aus der DEUTSCHEN SPRACHWELT http://www.deutsche-sprachwelt.de (Gerhard Sauer: Schreiben leichtgemacht, in: 3. Ausgabe, 20. Januar 2001, Seite 6):

„Nachsätze, die zu Vorsätzen taugen, und deren Verfasser ein Lob verdient. ‘Eigentlich ist es eine ganz einfache Sache mit der Rechtschreibung. Als ich in die Volksschule ging, wurde uns rechtschreibschwachen Schülern empfohlen, bei Unsicherheiten darüber, wie man ein Wort nach den Gepflogenheiten schreibe, das Wort erst einmal – so gut man es konnte – hinzuschreiben und dann nach Gefühl zu beurteilen, ob es richtig oder falsch geschrieben sei. Hatte man den Eindruck, daß das Wort ‘komisch’ aussah, sollte man es noch einmal in anderer Form schreiben und solange damit fortfahren, bis man meinte, die richtige Fassung gefunden zu haben.

Mit diesem Verfahren gelangte man nahezu bei allen Wörtern, die man schon einmal gelesen hatte, auf die richtige Version. Dieses Verfahren des Versuchs und Irrtums war eine kluge Methode, angewandt in einer kleinen Dorfschule von einem Lehrer, der wahrscheinlich keine großartige akademische Ausbildung genossen hatte – er stammte aus Lemberg und war am Anfang des vorherigen Jahrhunderts geboren –, der aber ein Mitgefühl für die Not der Schüler hatte und es letztlich mit Weisheit geschafft hat, daß wir alle weitgehend fehlerfrei schreiben lernten.

Damals gab es noch nicht die Legastheniedefinition. Es blieb uns nichts anderes übrig als geduldig schreiben zu üben und viel zu lesen. Der zweite Rat, den wir nämlich in dieser Dorfschule erhielten, war, viel zu lesen, die Heimatzeitung und Bücher ... In der Tat glaube ich heute, rechtes Schreiben habe ich von Karl May gelernt, dessen Bücher ich mir aus der Bibliothek der Kreisstadt auslieh ... Schreiben ... wird durch Nachahmung gelernt. Man liest ein Wort, auf geheimnisvollen Wegen prägt sich seine schriftliche Gestalt ein, und man kann es später auch selbst wiedergeben; vielleicht nicht auf Anhieb, aber mit Hilfe des oben geschilderten schrittweisen Prozesses.’“

Reiner Kunze: Die Aura der Wörter. Denkschrift, Stuttgart 2002, 60 Seiten, gebunden, 16 Euro. Zu beziehen über den Buchdienst der DEUTSCHEN SPRACHWELT: buchdienst@deutsche-sprachwelt.de.

Vgl. Thomas Paulwitz: Für die Freiheit des Wortes. Autorenkreis verleiht Reiner Kunze den Hans-Sahl-Literaturpreis, in: DEUTSCHE SPRACHWELT, 5. Ausgabe, 20. September 2001, Seite 1. Die DEUTSCHE SPRACHWELT ist zu beziehen über bestellung@deutsche-sprachwelt.de.

http://www.deutsche-sprachwelt.de/berichte/rsr/paulwitz-kunze.shtml
____________________________

Zur Biographie Reiner Kunzes: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/KunzeReiner/

Siehe auch:

http://de.wikipedia.org/wiki/Klassenfeind
http://de.wikipedia.org/wiki/Klassenkampf


Anmerkungen:

Nannte Reiner Kunze nicht die Kultusminister wegen ihrer Kulturbarbarei „Taliban“? „Kultus-Taliban“?

Reiner Kunze schreibt in „Die Aura der Wörter“: „Zu dekretieren, die zusammengeschriebenen Wörter wieder getrennt zu schreiben, hieße zu ignorieren, was eine Gemeinschaft von fast hundert Millionen Menschen in hundert Jahren an Sprachgefühl entwickelt und an Sprachintelligenz investiert hat.“ [...]
Und weil Brechts „Mutter Courage“ als Schullektüre nicht mehr tragbar sei, da meint er: „Sie übertrumpfen die Taliban: Um der reinen Lehre willen bringen sie sich um die Statuen des eigenen Glaubens.“

Wir brauchen nicht nach Afghanistan, um gegen die Taliban zu kämpfen. Wir haben hier genug „Kultus-Talibans“.


Zuletzt bearbeitet von Manfred Riebe am Donnerstag, 07. Dez. 2006 15:24, insgesamt 4mal bearbeitet
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Beitrag: Montag, 02. Feb. 2004 21:36    Titel: Reiner Kunze: Offener Brief an Minister Thomas Goppel Antworten mit Zitat

<b>Reiner Kunze: Offener Brief an Minister Thomas Goppel</b>

Offener Brief

An den
Bayerischen Staatsminister
für Wissenschaft, Forschung und Kunst,
Herrn Dr. Thomas Goppel
Salvatorplatz 2
80333 München

Obernzell-Erlau, den 26. 1. 2004


Hochverehrter Herr Staatsminister,

in der Vorlage für die Sitzung der Amtschefskommission „Rechtschreibung“ am 5.2.04 wird unter III. der Inhalt des vierten Berichtes der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung referiert, in dem nahezu alle wesentlichen Einwände gegen die Reform zurückgewiesen oder ignoriert werden, die von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, einer Reihe von Akademiepräsidenten, deren Schreiben Ihnen vorliegt, und zahlreicher anderer sprachbewußter Bürgerinnen und Bürger in den vergangenen Jahren vorgebracht und hinreichend begründet wurden.

Unter IV. heißt es, die „Zwischenstaatliche Kommission, die im Zuge der Neuregelung eingerichtet wurde, sollte im Grunde die Funktion übernehmen, die zuvor von der Dudenredaktion wahrgenommen wurde“. Dagegen wäre nichts einzuwenden, handelte es sich nicht um die Kommission, die diese Reform zu verantworten hat.

Sollte die Kultusministerkonferenz den Empfehlungen der Amtschefskommission folgen und das Regelwerk nach den Vorgaben des vierten Berichtes als verbindlich verabschieden, würde man in einem bedeutenden Bereich des geistigen Lebens mit Verachtung strafen, was Demokratie am nötigsten hat: engagierte Zuwendung.

Bitte, haben Sie Verständnis für den öffentlichen Briefweg – ich weiß mir keinen anderen Rat mehr.

Danke.

Herzlich grüßt Sie
Ihr
Reiner Kunze

www.rechtschreibreform.com/Perlen/KraftBank/KraftBank.pl?MonFeb218:22:19CET2004
__________________________________________________________________

Vgl. auch Sprachpreise für den Kampf gegen die Rechtschreibreform
Der Rechtschreibwahrer 2002: Reiner Kunze
www.vrs-ev.de/forum/themaschau.php?t=240


Zuletzt bearbeitet von Manfred Riebe am Mittwoch, 07. Nov. 2007 18:47, insgesamt 1mal bearbeitet
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Beitrag: Montag, 03. Mai. 2004 22:13    Titel: Reiner Kunze: Drei Credo Antworten mit Zitat

Reiner Kunze: Drei Credo
Lesung aus Anlaß seines 70. Geburtstages auf Einladung des Collegium Europaeum Jenense am 26.08.2003 in der Aula der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Credo 1: Die Aura der Wörter
Credo 2: Wo wir zu Hause das Salz haben
Credo 3: Der Kuß der Koi
Bild und Ton: http://www.db-thueringen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-2168/index.msb
technische Informationen: http://www.db-thueringen.de/servlets/DocumentServlet?id=1058

Jan-Martin Wagner - 08:29am Mar 30, 2004 CEST (#2826 of 2860)
http://forum.spiegel.de/cgi-bin/WebX?13@205.eHGFarTGZa9^2@.ee6b4b4/2823
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Beitrag: Freitag, 08. Okt. 2004 23:10    Titel: Die zweite Ausbürgerung Antworten mit Zitat

Die zweite Ausbürgerung
Respekt vor der Aura des Wortes – Eine Denkschrift des Schriftstellers Reiner Kunze zur Rechtschreibreform

Von Hans-Bernhard Wuermeling

Dem ideologischen Wahn linker Gesellschaftsreformer, der Regelungswut von Kultusbürokraten und der Schläfrigkeit der Kultusminister verdanken wir eine Rechtschreibreform, die sich nach wie vor als ebenso unnötig wie unsinnig erweist. Ihren Kritikern wird entgegengehalten, ob „wir denn keine anderen Sorgen hätten“, als solche Kritik zu üben (Hans-Joachim Meyer, damals Vorsitzender der Kultusministerkonferenz, im Deutschen Bundestag am 26. März 1998, Hans Zehetmair, bayerischer Kultusminister in Schulreport 3/1997). Natürlich haben wir andere Sorgen; doch wäre wohl – den Spieß umgedreht – zuerst zu fragen, ob denn die Kultusminister keine wichtigeren Aufgaben anzupacken gehabt hätten als diese Rechtschreibreform!

Natürlich fragt man sich, ob es denn lohnt, sich mit dieser fehlgelaufenen Angelegenheit noch zu beschäftigen. Doch fordert allein schon die Tatsache, dass die Reform so fehlgelaufen ist, zu dieser Beschäftigung heraus. Denn jetzt ist Rechtschreibung in unerträglicher Weise zur Ansichtssache geworden; allerdings kommt es dabei darauf an, wer die Macht hat, seiner Ansicht Geltung zu verschaffen. Die Kultusminister haben solche Macht, indem sie die Schulbücher genehmigen oder nicht. Diese Macht, so klagt Reiner Kunze in seiner Denkschrift „Die Aura der Wörter“, habe zu seiner zweiten Ausbürgerung geführt; nach der ersten (aus der DDR nämlich) nun zu der zweiten aus den deutschen Schulbüchern. „Aus genehmigungsrechtlichen Gründen dürfen nur Schulbücher auf den Markt kommen, die mit der Rechtschreibreform übereinstimmen“, teilte ihm sein Verleger mit. Und auch Siegfried Unseld (Suhrkamp) musste erfahren, dass Brechts „Mutter Courage“ ohne Anpassung an die Rechtschreibreform als Schullektüre nicht mehr tragbar sei. So etwas schmerzt den Schriftsteller Kunze: „Dürfte ich zwischen einem Literaturpreis und einem Platz im Schullesebuch wählen, würde ich mich für den Platz im Lesebuch entscheiden...“

Wer aber nun glaubt, hier sei nur die Dickköpfigkeit einiger verschrobener Wortkünstler am Werk, die sich jedem vernünftigen Fortschritt verschließen, dem sei auch jetzt noch die Lektüre von Reiner Kunzes Denkschrift empfohlen, um sich nicht nur mit der Sache der Rechtschreibreform, sondern auch mit ihrem politischen Hintergrund vertraut zu machen. Denn den Reformern sei es ja nicht um die Neuregelung der Rechtschreibung gegangen, so belegt Reiner Kunze, sondern darum, ob diese Gesellschaft veränderungsfähig und veränderungswillig sei (Hans-Joachim Meyer vor dem Deutschen Bundestag am 26. März 1998). Damit wird aber der ganze ideologische Grund der Reform aufgedeckt: Den Reformern erschienen die Spitzfindigkeiten der alten Schreibung als Hürden auf dem Weg des sozialen Aufstieges, die von der Bourgeoisie listig vor den Arbeiterkindern errichtet worden seien: „Der Vogel, der das Schreibei der Demokratie ins Nest legte, heißt Klassenkampf. Und sie hat es ausgebrütet und füttert und füttert ...“ Und weiter: „Den sozialen Status von Arbeiterkindern als Vorwand für diese kulturelle Regression zu missbrauchen, scheint das Privileg einer intellektuellen Minderheit zu sein, die sich als Vorhut und Vormund versteht.“

Sinnverluste waren bekannt

Die kulturelle Regression wird besonders am Beispiel der Regelung der Getrenntschreibung deutlich gemacht, die dazu führt, dass Texte ihre Eindeutigkeit verlieren: eine „Handvoll“ bedeutet eine kleine Menge, eine „Hand voll“ dagegen eine Hand, voll von etwas. Im ersten Fall ist nämlich von einer Menge, im zweiten von einem Körperteil die Rede. Schlimm ist, dass den Reformern solche Sinnverluste durchaus bekannt waren. Sie gaben zu, die „Differenzierung nach inhaltlichen Kriterien zugunsten der Getrenntschreibung aufgegeben“ zu haben (Klaus Heller). Wozu? Damit die Kinder in der Schule nicht so viele Fehler machen. Dazu zitiert Reiner Kunze aber einen Lehrer, Wolfgang Illauer: „Die Rechtschreibung ist nicht für die Schule da, sondern die Schule ist dazu da, die bestmögliche Rechtschreibung (und das ist die leserfreundlichste, wiedergabegenaueste) ... zu unterrichten. Die Frage darf nicht lauten: Was bringt den Schülern Vorteile? Sondern die Frage muss lauten: Was bringt den hundert Millionen Schreibern und vor allem Lesern Vorteile? Und wenn die beste Rechtschreibung für den Lernenden ein bisschen schwieriger wäre als die zweitbeste, dann müsste eben die schwierigere Schreibung in der Schule gelehrt und gelernt werden.“

Kein Verhältnis zur Sprache

Dass die Reform tatsächlich Sinnverluste herbeiführt, mag eine Überlegung im Anschluss an Reiner Kunzes Ausführungen zeigen: Wären nämlich keine Sinnverluste eingetreten, dann müsste es doch für die Redaktionen und Verlage ein Leichtes sein, ihre Computer so zu programmieren, dass sie reformgeschriebene Texte einfach in die klassische Schreibweise überführen. Aber das geht nicht, weil die reformierte Schreibweise Uneindeutigkeiten, Informations- und Sinnverluste verursacht, die ein Computerprogramm nicht auflösen oder auffüllen kann; es kann eine nicht geschriebene Unterscheidung nicht herbeizaubern: Meint der kommalose Satz: „Der Vater riet dem Jungen nicht entgegenzukommen“, dass der Vater einem Dritten riet, (Komma!) dem Jungen nicht entgegenzukommen? Oder aber riet der Vater dem Jungen, (Komma!) jemandem nicht entgegenzukommen? Reiner Kunze schreibt dazu: „Regeln einzuführen, die das Gegenteil dessen bewirken, was Rechtschreibung zu leisten hat, verbietet sich.“

Fast die Hälfte der Seiten des Bändchens füllen Anmerkungen und Quellenangaben, mit denen der Autor seine Kritik belegt. Es ist ihm bitter ernst damit: „Schlimm, wenn jemand das letzte Wort, aber kein Verhältnis zur Sprache hat.“ Nun möge sich aber niemand damit abfinden, dass zurzeit noch die ohne Verhältnis zur Sprache das letzte Wort gehabt haben. Sie sind zu allem fähig. Ihr kulturrevolutionäres Verständnis von sozialer Gerechtigkeit, so Reiner Kunze, sei Teil jener Ideologie, deren Gesellschaftssysteme an sich selbst zugrunde gehen. Und dieser Autor weiß, wovon er spricht.

Mit der „Aura der Wörter“ wird Reiner Kunze bei den Politikern wenig Verständnis finden, denn dabei handelt es sich um jenes geheimnisvolle Etwas, das einem Dichter zufallen muss, damit er in die Herzen seiner Hörer und Leser eindringen kann. Um den Respekt vor dieser Aura des Wortes kann man nur bitten; die Sinnverluste rückgängig zu machen, muss man dagegen fordern.

Reiner Kunze: Die Aura der Wörter. Radius- Verlag, Stuttgart 2002, 64 Seiten, EUR 16,–

Die Tagespost vom 1. März 2003
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Manfred Riebe



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Beitrag: Donnerstag, 14. Okt. 2004 11:51    Titel: Rede zum Tag der Deutschen Einheit Antworten mit Zitat

Rede zum Tag der Deutschen Einheit

Reiner Kunze
Rede zum Tag der Deutschen Einheit
Am 3. Oktober 2004 in Erfurt

____________________________________________

Herr Bundespräsident, hochverehrte Festversammlung,
ich bedanke mich, zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Ivan Diviš
GEFÄNGNIS PANKRATZ

Bei diesem worte überläuft mich sofort Romadur...

Das war das erste nämlich, was mir die tante mit butter
und brot zu essen gab,
als sie uns freigelassen hatten. Ich taumelte und sprang
aus den straßenbahnen –
sie fuhren mir zu langsam. Mutter ging eben in den keller
nach kohle,
und als sie mich heraufkommen sah, sank sie zusammen.

Diese meine lausigen buchstaben! Alle buchstaben sind lausig,
nur die musik lebt,
mein vater lebt auch, und ich begreife nur nicht,
warum wir das nicht immer alle feiern miteinander.

Der tschechische Dichter Ivan Diviš war zwanzigjährig mit einigen seiner Freunde in Prag in die Fänge der Gestapo geraten, und einer der Freunde wurde erdrosselt, ein anderer erstochen.

Wenn Diviš fragt, warum sie, die dem entkamen, das nicht immer alle feiern miteinander, meint er gewiß nicht „Feste feiern“, sondern ein gesteigertes Wahrnehmen der eigenen Existenz und der Existenz der anderen, das verbindet, ein unterschwelliges Gefühl elementarer Dankbarkeit und eine dem Leben zuarbeitende, seinen Glanz intensivierende Trauer, was ein Fest, das diesen Glanz ins Bewußtsein hebt, nicht ausschließt. Divišs Frage nach dem Feiern ist keine Randfrage. Er ist darüber beunruhigt, wenn nicht entsetzt, daß man weiterlebt, als sei das, was geschehen ist, nicht geschehen.

Auch wir Deutschen, meine Damen und Herren, sind dem, dem Diviš und die Seinen entkamen, entkommen – jedoch auf der anderen Seite, Schuldige jeden Grades, Unschuldige, Kinder, und das bedeutet, daß wir doppelt und dreifach entkommen sind: dem nationalsozialistischen Regime, dem Verhängnis, noch mehr untilgbare Schuld auf uns zu laden, und noch verheerenderer Vergeltung. Mit uns entkamen all jene, die damals noch nicht geboren waren, denn sie sind bis heute davor bewahrt worden, daß sich diese Hölle von neuem auftat, und sie verfügen über das politische Instrumentarium, sich und andere auch künftig davor zu bewahren.

Wir begehen Feiertage. Aber feiern wir?

Als unsere Familie noch in der DDR lebte, lehnte es das zuständige Volkspolizeikreisamt ab, mir die Einladung für einen Kollegen aus dem sozialistischen Ausland zu beglaubigen, die dieser benötigte, um uns besuchen zu können. Meine Bitte, mir den Grund für die Ablehnung zu nennen, wurde zurückgewiesen: Die getroffene Entscheidung bedürfe keiner Begründung. Ich verlangte den Leiter des Volkspolizeikreisamtes zu sprechen. Der Wortwechsel mit ihm war kurz. Was in diesem Staat wie einzuschätzen sei, sagte der Offizier, bestimme einzig und allein die in ihm herrschende Arbeiter- und Bauern-Macht. – Ich hätte bisher geglaubt, Teil dieser Arbeiter- und Bauern-Macht zu sein, entgegnete ich rhetorisch. Er konterte: „Auch wer Sie sind, bestimmen nicht Sie, sondern wir.“

DDR-Seelenalltag, unauslöschlich in der Erinnerung derer, die ihn an sich selbst erfahren haben.

Nachdem wir in die Bundesrepublik übergesiedelt waren, kam Anfang der achtziger Jahre mein Vater aus der DDR zu Besuch, und obwohl ihn seine Staublunge und sein schwer in Mitleidenschaft gezogenes Herz – er hatte Jahrzehnte unter Tage gearbeitet – aller paar Schritte innehalten ließen, bestand er darauf, sich nützlich zu machen. Also bat ich ihn eines Tages, zum Briefkasten zu gehen und Briefe einzuwerfen. Nach wenigen Minuten kam er zurück und rief vor dem Haus nach mir. Er war erregt. „Ich hab’ meinen Ausweis vergessen“, sagte er und bat mich, ihm aus der Innentasche seines Jacketts den Reisepaß zu bringen. Wozu er ihn brauche, fragte ich. „Na, wenn man mal angehalten wird“, sagte er. Ich versuchte ihn zu beruhigen: Seit Jahren sei ich in unserem Ort keinem Polizisten begegnet. „Man kann nie wissen“, antwortete mein Vater. Wohl war er sich bewußt, daß er sich in einer anderen Welt befand als der, aus der er kam, doch sowenig ein Bundesbürger erschrocken wäre, weil er hätte zwischen Wohnung und Briefkasten ohne Ausweis angetroffen werden können, sowenig konnte sich mein Vater vorstellen, daß man nicht überall auf der Welt ständig darauf bedacht sein mußte, kontrolliert zu werden. Mehr als dreißig Jahre DDR hatten Mentalität geprägt.

Ich weiß, es gab Drastischeres, Aktenkilometer dokumentieren es, aber in diesem Seelenalltag offenbarte sich das Totalitäre des politischen Systems mit am zynischsten. Als meine Eltern in der DDR schon zu gebrechlich waren, um noch reisen zu können, und es uns untersagt war, sie zu besuchen, wollte ich sie, damit wenigstens sie mich wieder einmal zu Gesicht bekämen, auf ein Interview in der Fernsehsendung „Report“ aufmerksam machen. Am Sendetag, dem 8. März 1988, telegrafierte ich ihnen morgens aus Baden-Baden:“21 Uhr. Herzlichst Reiner.“ Das Telegramm wurde ihnen am nächsten Tag unmittelbar nach der vormittäglichen Wiederholung von „Report“ zugestellt.

Gewiß, es gab auch Gutes. Wo Menschen zusammenleben, gibt es immer auch Gutes, sie könnten sonst nicht leben. Das Schlechte an dem Guten nur war, daß es als Rechtfertigung alles Schlechten diente und noch dient. Außerdem war das Gute nicht in allem gut. In den vielbeschworenen Kindergärten wurde zur Diktatur erzogen.

Diese Welt, meine Damen und Herren, ist als Staat aus Deutschland verschwunden, und diejenigen, die diesen Staat letztlich zum Verschwinden brachten, waren Deutsche, die eine gewaltlose demokratische Revolution wagten, eine Revolution gegen eine sozialistische Diktatur, und die dabei ihre persönliche Freiheit und ihr Leben riskierten, denn sie konnten sich weder der Gunst der Stunde, noch der entscheidenden Weichenstellung Gorbatschows sicher sein, der nach einer telefonischen Bürgschaft Helmut Kohls die sowjetischen Truppen in den Kasernen ließ.

Wir begehen Feiertage. Aber feiern wir?

Manche Wahrheiten, die auszusprechen als banal empfunden werden mag, sind die wunderbarsten Wahrheiten, die in diesem Land heute ausgesprochen werden können. Wir leben seit fast fünfzig Jahren im Frieden. Die Mehrheit der Deutschen lebt nahezu ebenso lange in einer rechtsstaatlichen Demokratie, die ein Höchstmaß an persönlicher Freiheit garantiert, und heute sind alle Deutschen Bürger des einen Deutschlands. Dieses Deutschland ist Heimat der Deutschen und Wahlheimat derer, die auf Dauer zu uns kamen und kommen, vorausgesetzt, sie wählten und wählen als Tor die deutsche Sprache, und für Verfolgte und an Leib und Leben Bedrohte ist es Zuflucht und Herberge. Dieses Deutschland bedeutet für die Länder, an die es grenzt, Frieden, und diese bedeuten Frieden für Deutschland. Die Erreger nationalen Mißtrauens, nationalen Dünkels, nationaler Komplexe und nationalistischer Ideologien werden nie gänzlich auszumerzen sein, sie pflegen sich einzukapseln und bei erstbester Gelegenheit wieder virulent zu werden, doch dürften die pluralistischen Nachkriegs- und Spätnachkriegsdemokratien über die agilsten immunologischen Schutzmechanismen dagegen verfügen. Das Europa der Demokratien läßt hoffen, daß auch unsere Kinder und Enkel im Frieden leben werden und der Terrorismus an übernationale Grenzen stößt.

Wir begehen Feiertage. Aber ...

In dem Gedicht von Ivan Diviš heißt es: „... alle feiern miteinander.“

In einer großen deutschen Tageszeitung wurde das „Sympathisieren mit eher rechts- denn linksliberalen Kreisen“ negativ akzentuiert. Nicht, daß die Rede gewesen wäre von „rechts“ und „links“, man unterschied prononciert zwischen „rechtsliberal“ und „linksliberal“, also zwischen zwei Geisteshaltungen, die die Mitte des politischen Spektrums bilden und gewissermaßen Tuchfühlung haben, und der subtil ehrenrührige Kontext, in den das Sympathisieren mit rechtsliberalen Kreisen gestellt war, machte den ideologischen Fundamentalismus deutlich, der bereits in der innersten Mitte der Gesellschaft ein Miteinander aller ausschließt: Rechtsliberal ist man nicht nur nicht, mit Rechtsliberalen sympathisiert man auch nicht.

Ich bin dem Rechts-links-Denken zutiefst abgeneigt, aber wenn ich mich ihm schon unterwerfen muß, kann ich nur sagen: Ein politisches Gemeinwesen mit „Rechtsliberal“ als linkem Rand wäre ebenso wenig eine Demokratie wie ein Gemeinwesen mit „Linksliberal“ als rechtem Rand.
Der Verhaltensforscher Iren*us Eibl-Eibesfeldt schreibt, an der Erhaltung des Lebensstromes wirkten ein konservatives und ein progressives Konstruktionsprinzip, und in dieser Auseinandersetzung dürfe es keinen Sieger geben.

Erst wenn wir das begriffen haben und bereit sein werden, diesen Widerstreit auszuhalten und dabei einander zu achten, werden wir in uns eine der Voraussetzungen kultiviert haben, nicht nur Feiertage zu begehen, sondern alle miteinander zu feiern.

Was mein Verhältnis zum Land meiner Geburt, meiner Sprache, meines emotionalen und intellektuellen Zuhause, also zu jenem Stück Erdoberfläche betrifft, auf dem ich mich zu orientieren vermag ohne Stern, hatte ich noch nie Schwierigkeiten mit Ausländern, sondern immer nur mit Deutschen. In Rio de Janeiro fuhr uns Mitte der achtziger Jahre ein junger deutscher Germanist zur Universität und fragte uns, ob wir denn in der präfaschistischen Bundesrepublik überhaupt leben könnten. Während der gesamten Fahrt bemühte er sich, uns über das Wesen des deutschen Volkes aufzuklären, und als wir auf dem Campus ausstiegen, hätten wir uns zum einen als Freigänger eines Gefängnisses fühlen müssen, deren Zwangsrückkehr in Kürze bevorstand, und zum anderen hätten wir uns an die Brust schlagen und beteuern müssen, daß wir uns schon immer geschämt haben, Deutsche zu sein. Wir aber fühlten uns nach unserer Übersiedlung aus der DDR erstmals als freie Menschen und kannten in der DDR wie in der Bundesrepublik, in der wir damals schon neun Jahre lebten, eine Anzahl Deutscher immerhin so gut, daß wir überzeugt sein durften, die Gattung Mensch brauche sich ihrer nicht zu schämen.

In Tokio, ebenfalls in den Achtzigern, wurde ich aus dem Auditorium heraus gefragt, ob ich meinte, daß Deutschland für immer geteilt bleiben müsse. Ich antwortete mit der Gegenfrage, ob, wenn Japan nach dem Krieg geteilt worden wäre, die Mehrheit der Japaner das von ihrem Land meinen würde. Nicht wenige Menschen in der DDR, sagte ich, sähen in der Wiedervereinigung die einige Hoffnung, daß, wenn auch nicht sie selbst, so doch ihre Kinder oder Kindeskinder die Grundfreiheiten erlangten, die ihnen zur Zeit verweigert würden. Ein japanischer Kollege, der als Stipendiat in Westberlin gewesen war, stellte jedoch die Meinung eines anderen deutschen Schriftstellers dagegen, und ich bekam simultan aus dem Japanischen fast wörtlich die Äußerung des damaligen Vorsitzenden des Verbandes deutscher Schriftsteller der Bundesrepublik und, wie die Rosenholz-Dateien belegen, Mitarbeiters des Staatssicherheitsdienstes der DDR übersetzt, die jener 1982 in Ostberlin getan und die mich veranlaßt hatte, aus dem Schriftstellerverband auszutreten: Alles, was auf den Wunsch nach Wiederherstellung eines deutschen Nationalstaates hinauslaufen könnte, sei unzulässig. Ein Glück, daß unsere Freunde in der DDR weit weg waren von Japan, sonst hätten sie sich einmal mehr als abgeschrieben betrachten müssen.

Ich halte es mit Johann Gottfried Herder, der auf die Frage, was „Nation“ sei, antwortet: „Ein großer, ungejäteter Garten voll Kraut und Unkraut. Wer wollte sich dieses Sammelplatzes von Torheiten und Fehlern sowie Vortrefflichkeiten und Tugenden ohne Unterscheidung annehmen, und wenn es eine bloße Meinung von Seelenkräften und Verdiensten gilt, für diese Dulcinea gegen andre Nationen den Speer brechen?“ Und in einem späteren seiner „Briefe zur Beförderung der Humanität“ schreibt Herder, „Vaterländer gegen Vaterländer“ sei „der ärgste Barbarismus der Menschensprache“. Barbarismus aber ist auch, dem eigenen Land und dem eigenen Volk die Liebe zu entziehen.

Und wer seinem Volk die Liebe entzieht, kann nicht mit ihm feiern.

Keine und keiner meiner slawischen oder jüdischen Kolleginnen und Kollegen, mit denen uns Freundschaften verbinden, die bereits das halbe Leben währen – keine und keiner von ihnen käme auf den Gedanken, von irgendeinem Volk der Welt zu verlangen, daß es auf Knien lebt. Ein Volk, das sich gegenüber anderen Völkern versündigt hat, muß niederknien können, in der Seele und auch sichtbar, wie es Willy Brandt für uns symbolisch getan hat. Dann aber auf Knien zu verharren, würde bedeuten, der menschlichen Augenhöhe verlustig zu gehen und weder weit genug zurück-, noch weit genug nach vorn blicken zu können.

Aus der DDR schrieb ich einmal meinem Kollegen Jan Skácel in Brünn, ich sei „ziemlich am Boden“. Er antwortete: „Ich mußte unsere Akademie der Wissenschaft (Abteilung Handschriften) ersuchen, mir Deinen Brief zu entziffern...Uns beunruhigt die Bemerkung..., daß Du am Boden bist (war es 'Boden'?). Sieh zu, daß du von diesem Boden bald wieder aufstehst. Und uns würde es gar nicht gefallen, wenn Du Dich irgendwo auf einem Boden herumwälzen würdest, wir haben Dich gern schön aufgerichtet.“

Meine Damen und Herren, haben wir den Mut, uns von unseren Freunden ermutigen zu lassen, uns schön aufzurichten und schön aufrecht zu leben!

Folgen wir Ivan Divišs indirekter Aufforderung, miteinander zu feiern, die eigene Existenz und die Existenz der anderen gesteigert wahrzunehmen und uns ein Gefühl
elementarer Dankbarkeit zu erlauben!

Dieses Deutschland ist eine Freude wert.

Ich danke Ihnen.

Freistaat Thüringen
www.thueringen.de/de/index.asp?unten=http://www.thueringen.de/de/tsk/veranst/tdte2004/hoehepunkte/kunze/
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Beitrag: Montag, 08. Nov. 2004 22:41    Titel: Reiner Kunze erhält Stiftungspreis Antworten mit Zitat

Harte Währung
Reiner Kunze erhält Stiftungspreis / Von Heike Schmoll

ZÜRICH, 7. November. Seit acht Jahren kämpft Reiner Kunze wieder gegen eine Mauer, die dieses Mal nicht sein Land teilt, sondern durch seine Sprache verläuft und „durch Sprach- und Kulturvernunft nicht zu Fall zu bringen ist“ (Kunze). Einzig durch Macht sei sie zum Einstürzen zu bringen, und zwar nicht durch die angemaßte „Sprachhoheit“ einiger Kultusbürokraten, sondern durch die „Macht der Öffentlichkeit“. Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung seines flammenden Appells gegen die Rechtschreibreform in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 13. August) wurde Kunze vom thüringischen Ministerpräsidenten Althaus (CDU), der ihn in den Jahren zuvor zweimal vergeblich um sein Wort gebeten hatte, ausgeladen, die Rede zum 3. Oktober 2004 zu halten. Selbstverständlich wurde die Absage diplomatisch ummantelt, die Rechtschreibreform nicht erwähnt.

Kunze, der 1933 geborene Sohn eines Bergarbeiters, der gelernte Hilfsschlosser, der Lyriker der leisen Töne, der die verletzliche „Aura der Wörter“ zu wahren weiß, hat schließlich am Tag der Deutschen Einheit doch in Erfurt geredet, nachdem von höherer Stelle interveniert worden war. Am Samstag ist er für seinen Kampf für eine „Rechtschreibung, die sich als gewachsene Kulturtechnik des Lesens und Schreibens von Generation zu Generation ohne gewaltsame Eingriffe weiterentwickelt“, gewürdigt worden.

Es war eine kluge Entscheidung der Schweizer „Stiftung für abendländische Gesinnung“, deren Zweifel am eigenen Namen dazu geführt haben, daß sie in den kommenden Tagen über einen weniger mißverständlichen nachdenken will. Sie nominierte den Altphilologen Klaus Bartels als Vergegenwärtiger der Antike, den Kolumnisten der „Neuen Zürcher Zeitung“ und Reiner Kunze als Anwalt einer gewachsenen Schreibkultur und Rufer gegen jene „Barbarei, die im ganzen deutschen Sprachraum unter dem Decknamen Rechtschreibreform im Gange ist“, wie der Präsident des Stiftungsrates, Robert Nefin, in Lavaters Kirche St. Peter sagte. Nefin, der Herausgeber der reformkritischen „Schweizer Monatshefte“, schonte dabei auch nicht die eigenen Landsleute: Während die Schweizer Behördenvertreter in den verantwortlichen Gremien durch ein Übermaß an Anpassungsbereitschaft aufgefallen seien und gar in vorauseilendem Gehorsam gehandelt hätten, habe Kunze zu den Kritikern der ersten Stunde gehört.

Wer wie Kunze die DDR mit aufrechtem Rückgrat überstanden hat, wird auch angesichts des bürokratischen Reformwahns und wankelmütiger Politiker im vereinigten Deutschland kreative Dissidenz aufbringen. Angesichts eines gescheiterten Plebiszits in Schleswig-Holstein schien der Einwand des Verlegers Michael Klett in der Laudatio allzu berechtigt, die „politische Klasse“ mit ihrer Angst vor dem Volk beglückwünsche sich zwar gern zur Errungenschaft einer Demokratie, die sie nicht erkämpft habe, sei aber auch nicht zu deren dringend erforderlicher Verbesserung in der Lage. Wie sollte sie da zur Rettung der gewachsenen Sprache und ihrer Einheitlichkeit imstande sein?

„Je niedriger das Denkniveau, desto undifferenzierter die Sprache, und je undifferenzierter die Sprache, desto fortschreitender ihre Verarmung“, konstatiert Reiner Kunze nüchtern. Als Beispiele für einen Verlust an differenzierten Ausdrucksformen erkennt er die Sprache die Hörfunks, die alles als aktuell bezeichnet, sei es das Wetter, die Verkehrslage oder den Börsenkurs, während Wörter wie „gegenwärtig“, „augenblicklich“ oder „derzeitig“ fast verschwinden. Ein „Extrem emanzipatorischer Verbiesterung“ sieht Kunze im Anfügen femininer Endungen an maskuline Wörter, bei denen das i der weiblichen Endung als Großbuchstabe „in der Wortmitte aufgerichtet wird wie ein Mast, damit an ihm die Fahne der geschlechtlichen Gleichberechtigung wehe“ (Lehrerlnnnen, StudentInnen).

Um so mehr überrascht es, daß Kunze in der freiheitlichen Demokratie des deutschen Rechtsstaats nicht auch allmählich verbiestert, wenn diejenigen, die sich „gegen die in wesentlichen Teilen reaktionäre Rechtschreibreform und die repressiven Methoden ihrer Durchsetzung verwahrten“ (Kunze), ausgerechnet vom SPD-Vorsitzenden Müntefering als „einige Hochwohlgeborene“ beschimpfen lassen müssen, die meinten, sie müßten das aus ästhetischen oder sonstigen Gründen nochmal korrigieren. „Ich, hochwohlgeborener Bergarbeitersohn, dessen Vorfahren väterlicherseits ihr Leben lang unter Tage gearbeitet haben, antworte Herrn Müntefering: Uns schreckt Finsternis nicht“, gab sich Kunze in Zürich zuversichtlich. Daß er dem Sprachdiktat nicht allein widersteht, sondern deutsche und schweizerische Rechtschreibgegner gewichtige und sprachsensible Argumente gegen die Reform aufzubringen vermögen, zeigt der von Stefan Stirnemann herausgegebene Sammelband „Im Wundergarten der Sprache“, der Kunze als Festschrift überreicht wurde.

Klaus Bartels, der Latein und Griechisch an einem Schweizer Gymnasium unterrichtet und in seinen Streiflichtern („Internet à la Scipio“) in Zeitungen antike Quellen wachhält, erinnerte an den fünfzehnhundert Jahre alten Zwischenruf des Cassiodor, des Sekretärs Theoderichs des Großen, in dessen Schrift „De orthographia“, wo es heißt: „Die viva vox, das gesprochene Wort, unterscheidet uns vom blöden Vieh, die ratio scribendi, die Rechtschreibung, aber von Dummköpfen und Wirrköpfen.“ Bisher scheint sich die Klarheit noch nicht durchgesetzt zu haben. Noch immer werden fadenscheinige Kostenargumente gegen eine Rücknahme der Reform ins Feld geführt. Aber „Wort ist Währung, je wahrer, desto härter“ (Reiner Kunze).

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. November 2004; S. 7
________________________________________________

Anmerkung:

Falsch: Robert Nefin
Richtig: Robert Nef - siehe: www.vrs-ev.de/forum/themaschau.php?p=441#441

Anmerkung:
In den VRS-Links wurde „viewtopic“ durch „themaschau“ ersetzt, damit sie wieder funktionieren.


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Manfred Riebe



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Beitrag: Dienstag, 09. Nov. 2004 16:24    Titel: Wer scheitert - das Volk oder die Politik? Antworten mit Zitat

Wer scheitert - das Volk oder die Politik?
„Angesichts eines gescheiterten Plebiszits in Schleswig-Holstein...“


Angesichts eines gescheiterten Plebiszits in Schleswig-Holstein...“
schreibt Heike Schmoll.

Nicht der Volksentscheid ist gescheitert, sondern die Politik ist an der Umsetzung des Volksentscheides kläglich gescheitert. Das ist ein himmelweiter Unterschied.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit an das Gewissen appellieren:

Die gesamte deutsche Presse hat bei der Aufhebung des Volksentscheides

VERSAGT,

kläglich versagt. Daran gibt es nichts zu deuteln, nichts zu beschönigen, auch die FAZ hat damals, am 17. September 1999, kläglich versagt, diese Schande bleibt ihr.

Für den weiterhin luschigen Umgang mit dem Volksentscheid fehlt nicht viel, und ich wünsche der FAZ die Neue Rechtschreibung an den Hals!

Leute wie Frau Schmoll haben KEINE AHNUNG, was wir - etwa 200 freiwillige Helfer und ich - in Schleswig Holstein für einen Kampf auf uns genommen und - gewonnen haben!
__________________
Matthias Dräger

http://nb.rechtschreibreform.de/v/Eintrag.php?boardid=1&threadid=3771
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Beitrag: Samstag, 20. Nov. 2004 21:41    Titel: Kulturbarbarei Antworten mit Zitat

Briefe an die Herausgeber

Kulturbarbarei

Zum Artikel „Harte Währung“ von Heike Schmoll (F.A.Z. vom 8. November): Heike Schmoll nennt das schleswig-holsteinische Plebiszit gegen die Rechtschreibreform „gescheitert“. Diese Wortwahl verschleiert den Tatbestand, daß die Durchsetzung dieser „Reform“ genannten Kulturbarbarei zugleich einen Tiefpunkt der Demokratie in der Bundesrepublik darstellt. Den Erfolg der Bürgerinitiative 1998, der gegen unglaubliche Behinderungsversuche erkämpft wurde, war aber ein Sieg. Nichts hätte die Regierungen der übrigen Länder daran gehindert, dieses Ergebnis als repräsentative Willensbekundung des ganzen Volkes anzuerkennen.
Dazu waren die antiplebiszitären CDU-Regierungen jedoch ebensowenig bereit wie die SPD-geführten mit ihren Restbeständen gesellschaftsverändernder Utopien. So schwenkte die CDU in Schleswig-Holstein, die den Erfolg der Bürgerinitiative in Ermangelung eines eigenen bei der Bundestagswahl noch wie ihren eigenen Sieg gefeiert hatte, unter dem Importkandidaten Rühe auf die Linie der Ministerpräsidentin Simonis um, die schon lange angekündigt hatte, Volksentscheide gegen die Rechtschreibreform so lange per Gesetz zu annullieren, „bis die Schleswig-Holsteiner der Lächerlichkeit preisgegeben“ seien. Ihre Hand gegen den Volksentscheid hoben 1999 in Kiel auch die „basisdemokratischen“ Grünen und (gegen die Bundespartei) die Freien Demokraten, so daß hundert Prozent der Vertreter des Volkes nach Art der einstigen „Volksdemokratien“ für die Reform stimmten, während das Volk zu 70 Prozent dagegen gestimmt hatte und zu 56 Prozent für die traditionelle Rechtschreibung. Konnte 1996 noch ein einzelner bayerischer Kultusminister den kleingeschriebenen „heiligen Vater“ und bei mehr Rückgrat sicher auch die ganze Rechtschreibreform verhindern, so blieb die Mehrheit der Millionen Reformgegner von Anfang an aller Mitspracherechte beraubt.

Sigmar Salzburg, Dänischenhagen

Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 268 vom Dienstag, 16. November 2004, S. 8
________________________________________________________________

Ohne das Volk

Mit lauteren Gefühlen der Solidarität und großer Genugtuung liest der seine deutsche Muttersprache in all ihrer geschichtlich bedingten Gewachsenheit in Wort und Schrift liebende Zeitgenosse Heike Schmolls Würdigung Reiner Kunzes als „Harte Währung“, eines Vertreters des Dichter-und-Denker-Fähnleins in diesem unserem Lande (F.A.Z. vom 8. November). Lediglich an einer Stelle zuckt er befremdet zusammen, dort nämlich wo das Volksbegehren „Wir gegen die Rechtschreibreform“ in Schleswig-Holstein anno 1998 als „gescheitert“ bezeichnet wird.
Das Plebiszit ist seinerzeit mit dem Ja von 56,4 Prozent der Abstimmungsberechtigten erfolgreich zustande gekommen; ein Gegenentwurf des schleswig-holsteinischen Landtags erntete die demgegenüber bescheidene Zustimmung von 29,1 Prozent. Und was geschah? Gisela Böhrk (SPD), die damalige Kieler Bildungsministerin, äußerte sich zwar mit den Worten: „Ich akzeptiere das Votum der Schleswig- Holsteiner“, sorgte aber auf dem Erlaßwege dafür, daß fortan - fürs erste - neben den alten auch die neuen Schreibweisen im Unterricht zugelassen wurden. Nach Verstreichen einer Schamfrist wurde dann jedoch die Initiative des Souveräns namens Volk kassiert und das meerumschlungene Bundesland orthographisch auf Vordermann gebracht. Seit jenem skandalösen Vorgang, der hierzulande seinesgleichen sucht, betrachte ich das Demokratieverständnis hochmögender präsidierender Hutträgerinnen, mag ihr Augenaufschlag noch so treuherzig sein, ihr vordergründiges Gebaren noch so charmant daherkommen, samt der dahinterstehenden politischen Klasse voll grollenden Argwohns.

Hermann Josef Barth, Ismaning

Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 268 vom Dienstag, 16. November 2004, S. 8
________________________________________________________________

Siehe: Gedenktag: Volksentscheid in Schleswig-Holstein - Das Volk als Souverän und Untertan: Im Namen des Volkes gegen das Volk! - www.vrs-ev.de/pm270903.php


Zuletzt bearbeitet von Manfred Riebe am Montag, 22. Nov. 2004 16:14, insgesamt 1mal bearbeitet
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Sigmar Salzburg



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Beitrag: Samstag, 20. Nov. 2004 22:36    Titel: Kulturbarbarei Antworten mit Zitat

Der ungeschickt verkürzte Satz lautete richtig:

Den Erfolg der Bürgerinitiative 1998, der gegen unglaubliche Behinderungsversuche erkämpft wurde, beschrieb die „Süddeutsche“ als „glanzvollen Sieg“.

Natürlich war es ungeschickt von mir, die Konkurrenz zu erwähnen.
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Manfred Riebe



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Beitrag: Sonntag, 28. Okt. 2007 09:26    Titel: www.reiner-kunze.com Antworten mit Zitat

Die Internetseite von Reiner Kunze: www.reiner-kunze.com


Reiner Kunze bei den Literaturtagen Lauf a.d. Pegnitz 5. - 11. & 28. November 2007
http://lauf.de/literaturtage/2007_autoren.htm (mit Foto)
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Manfred Riebe



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Beitrag: Montag, 05. Mai. 2008 15:49    Titel: Gedankenfreiheit, Staatsräson und Inquisition Antworten mit Zitat

Gedankenfreiheit, Staatsräson und Inquisition
_________________________________________________________

Neun Jahre nach seinem Lyrikband „ein tag auf dieser erde“ legt Reiner Kunze neue Gedichte vor.
Die originären Sprachbilder berühren durch ihre Einfachheit, Präzision und ein Äußerstes an Menschlichkeit.

Ein Auszug:

WO DAS MANUSKRIPT LAG

Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik,
Akte Nr. X/514/68, Kunze, Reiner.... Schriftsteller.
17.03.1976: Was ist bekannt über die Aufbewahrung des Manuskriptes?


Unter den feldsteinen lag es
der alten wäschemangel
im ausgedinge der bäuerin
Frieda D. in L.

Sicher vor
dem falschen brandschutzbeauftragten,
dem falschen prüfer der erdleitung,
dem falschen freund

Eingedenk
der mutter, die, als ich ein kind war,
nach der großen wäsche
in der mangelstube
die schweren hölzernen walzen schleppte und,
beide hände am griff des riesigen eisenrades,
die mangel
in bewegung setzte
für die bewohnbarkeit der welt

S. 56
_______________________________________________

SPOTTVERSE

In den Jahren 1996 bis 2006 wurden auf dem Amtsweg zweihundert
Jahre differenzierender Orthographieentwicklung in wesentlichen
Bereichen für ungültig erklärt und die Einheitlichkeit der deutschen
Rechtschreibung zerstört.

Kultusministerin Prof. W.: »Die Kultusminister wissen längst, dass die
Reform falsch war … Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht
zurückgenommen worden.« Die Staatsräson — ein höheres Gut als die Sprache!



unstrittig

Die sprache hat den mund zu halten,
wenn die hohen staatsgewalten
sich für ihren vormund halten
und barbaren sie verwalten


staatsfromm

Der staat trieb der sprache die engel aus,
die engel flogen ins gotteshaus;
dort wartete auf die engel schon
die orthographische inquisition


justizirrtum

Die sprache erschien vor dem Hohen gericht,
die richter aber verstanden nicht
die sprache, die die sprache spricht,
und die sie verstanden, die hörten sie nicht

S. 57

Reiner Kunze: Lindennacht. Gedichte. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2007, 108 S., ISBN 978-3-10-042024-4
_____________________________________

Anmerkung:

Kultusministerin Prof. W. ist

* Ministerin Prof. Dr. Johanna Wanka
http://de.wikipedia.org/wiki/Johanna_Wanka
Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur Brandenburg, Potsdam. Sie war Präsidentin der Kultusministerkonferenz.
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